Am 07. November 2025 erschien Betterovs zweites Studioalbum mit dem Titel „Große Kunst“ und der namensgebende Song dieser Platte lässt mich seitdem nicht mehr los. Was mich daran so beschäftigt und was das mit einem Besuch bei einem Live-Podcast zum Thema Selbstständigkeit zu tun hat? Einfach alles.
Kein Pinselstrich galt uns…
…für uns gab es keine Kunst. So lautet eine Zeile aus Betterovs Song „Große Kunst“, der mir zugleich ein wohliges Gefühl des Verstandenwerdens und einen Stich ins Herz versetzt. Dieses innere Durcheinander rumort jedes Mal in mir, wenn ich dieses Lied höre, und ich höre es oft, denn es ist schlichtweg wirklich große Kunst. Die Worte werden begleitet von einer Melodie, die sich mit ihnen zu einem Schauspiel verbündet, das in meinem Kopf einen Kurzfilm in Schwarz-Weiß abspielen lässt. Feine Töne vermischen sich mit den Grausamkeiten der Vergangenheit und produzieren Gänsehaut.
Ich komme nicht umhin, an meine eigene Vergangenheit zu denken, in der fränkischen Provinz und einem Dorf, in dem die meisten meiner Schulkamerad*innen in Einfamilienhäusern mit Garten lebten und wir in einer Mietwohnung, die eigentlich immer schon zu teuer für uns war. Wenngleich nie genug Geld da war, fühlte ich mich vor dem großen Bücherregal im Wohnzimmer, das in den unteren Etagen die Plattensammlung aus der Jugendzeit meiner Eltern beherbergte, wie der reichste Mensch der Welt. So viele Welten, in die ich eintauchen durfte, so viele Kriminalromane, die ich ein paar Jahre zu früh lesen konnte. Reinhard Mey und ABBA, Grönemeyer und Gianna Nannini machten mich so glücklich und so schnell zur Außenseiterin.
Die Kunst und ich: Wollte ich zu viel?
Sie war also immer da, die Kunst. Aber galt sie auch mir? Ich bin dankbar, dass sie da war, die Leidenschaft meiner Eltern für Bücher und Musik, denn sie nimmt mich noch heute in den Arm, wenn alles zu viel wird. Ob ich deshalb selbst mit dem Schreiben begonnen habe? Der Gedanke, mir selbst eine Welt zu erschaffen, in der ich mich richtig fühle, behagt mir noch heute.
Eine Weile war es möglich, den Impuls zu unterdrücken, selbst zur Künstlerin zu werden. In meiner Situation, an diesem Ort, in diesem Leben war dieses Vorhaben völlig absurd. Man muss arbeiten, Geld verdienen, klar darf ich Bücher lesen, aber sie selbst schreiben? Vielleicht sollte ich erst einmal versuchen, meine Mathetests mit einer etwas kleineren Zahl als einer Fünf versehen mit nach Hause zu bringen. Und dann etwas Anständiges lernen. So wie meine Mutter. Eine Ausbildung in der Gastronomie ist so viel höher angesehen als Gedichte und Bücher zu schreiben.
Wenn man es doch schafft, hat man es dann wirklich geschafft?
Schlussendlich schaffte ich es, Journalistin, Autorin und Künstlerin zu werden. Mithilfe eines unbezahlten Praktikums beim Radio, drei Jobs gleichzeitig, einem Kredit, der Ermutigung der Kolleg*innen im Sender und meinem eisernen Willen. Aber das Gefühl bleibt: anders sein. Verdientes Geld nicht in große Urlaube stecken, sondern in den Kredit, der mir den Weg bis hier hin freimachte, mir jetzt jedoch im Nacken sitzt. Kein Auslandssemester gemacht zu haben. Keinen Bachelor oder Master. Einfach nur ein Abschluss der Freien Journalistenschule Berlin. Nur?
Ich bin nicht die Einzige, die dieses Gefühl kennt. Erst vor zwei Wochen lauschte ich bei einer Lesung einem Autor, der ein Essay vortrug, in dem es genau darum ging. Du findest seinen Text und viele andere im Buch Kultur und Politik im prekären Leben: Solidarität unter Schneeflocken.
Ich denke immer wieder, wie paradox das Ganze doch erscheint: Die große Kunst ist für die obere Schicht, nicht für die, die sie machen. Aber ich spüre jetzt selbst sehr deutlich, dass es auch gewisse Privilegien braucht, um ein*e Künstler*in zu sein. Man muss sich das Künstler*innendasein leisten können. Sollte dieses ganze Bild nicht umgedreht werden?
Mut zur Selbstständigkeit: Einfach machen, hinfallen, aufstehen?
Diese und viele andere Phrasen fielen bei der Aufzeichnung eines Live-Podcasts vergangene Woche. Eines vorweg: Ich war selbst zu Gast in diesem Format und die Menschen, mit denen ich dort zusammen eine Folge aufnehmen durfte, sind mir mittlerweile sehr lieb gewonnene Bekannte. Im Nachhinein machte mich meine Begleitung allerdings darauf aufmerksam, dass das Thema der Folge sehr einseitig betrachtet wurde. Nämlich aus Sicht der Menschen, die es sich leisten können. Mir fiel es erst gar nicht auf, weil ich es selbst so sehr gewohnt bin, diejenige zu sein, bei der es anders läuft.
Es ging also um das Thema Selbstständigkeit, insbesondere die kreative Selbstständigkeit und darum, welche Herausforderungen einem dabei begegnen, welche Ängste einen begleiten und wie man den Mut findet, den Schritt überhaupt zu gehen.
Es wurde viel über die Angst vor Bewertung und vor Sichtbarkeit gesprochen. Auch darüber, dass man vielleicht erst noch herausfinden muss, was man eigentlich tun möchte. Viele motivierende Sätze fielen sowohl am Mikrofon als auch im Publikum: „Einfach mal machen, könnte ja gut werden“, „Hinfallen, aufstehen, immer wieder“, „Nicht auf den richtigen Moment warten“. Alles ist richtig. Und nichts davon nimmt mir die Sorge, wie ich meine Miete, meinen Kredit, meinen Lebensunterhalt finanzieren soll, wenn es nicht klappt.
Es schien, als hätten all diese Menschen ein Sicherheitsnetz. Oder noch nie erlebt, dass es einfach nicht reicht. Nie die Erfahrung gemacht, dass man einen Job annehmen muss, obwohl man eigentlich viele Ideen und Talent, gute Chancen auf Erfolg hat – doch die nächste Miete wartet nicht auf meinen Durchbruch als Künstlerin und kreative Selbstständige.
Künstler*in sein: Eine Frage der sozialen Herkunft?
Auch ich höre und lese sie immer wieder, die Geschichten der brotlosen Künstler*innen, die den Durchbruch schafften und wie Betterov so schön singt, jetzt vor einem riesigen Teller mit einer kleinen Portion Fenchel an Rhabarberschaum sitzen. Ich bin mir sicher, dass es viele Menschen schaffen, aus prekären Verhältnissen auszubrechen – mit ihrer Kunst. Und ich glaube auch daran, dass ich es schaffen kann, eines Tages allein von meiner Kunst zu leben.
Doch ich denke auch, dass wir viel mehr darüber sprechen müssen, wie der Weg dorthin aussieht. Dass „einfach mal machen“ eben nicht bei jedem Menschen gleich aussieht und mehr dazugehört, als es zu wollen. Sicherheitsnetze, Familie, die einspringen kann, wenn es nicht reicht, ein*e Partner*in, die den Rücken freihält, damit unser Kopf frei ist für die Kunst. Und vor allem möchte ich uns Künstler*innen sagen: Es darf auch die kleine Kunst geben. Sie ist nicht weniger wert, nur weil sie leiser ist oder neben einem Job entsteht, der uns das Dach über dem Kopf sichert. Natürlich ist es wunderbar, wenn man „all-in“ gehen kann. Wir dürfen aber auch einfach das in unsere Kunst geben, was wir haben.
