Es ist Dienstagmorgen, in meinem Instagram-Postfach liegt eine Nachricht, die mir eine Sache klarmacht: Wir sitzen alle in einem Boot, wir rudern gemeinsam, aber nur, weil jede*r zuerst im Ziel ankommen möchte.
Alle wollen das Produkt sein, niemand Konsument*in…
Die Nachricht, die mich so ins Grübeln bringt, kommt von einer Künstlerin, die sich gerade mit einem Lyrik-Start-up selbstständig macht und Poeten-Post versendet. Eine Idee, die ich persönlich fantastisch finde, denn zwischen Rechnungen und Schreiben vom Finanzamt würde mir ein kleines Gedicht definitiv den Tag versüßen. Es würde mir Mut machen und beweisen, dass Kunst unser Leben verändern kann. Sie macht unseren Tag besser und so ein feines Stück Lyrik, liebevoll arrangiert und per Post versendet, wäre mein regelmäßiges Zeichen, selbst weiterzumachen, weil ich spüre, wie viel diese Arbeit bewirken kann. Nun bin ich selbst aktuell zwar keine gänzlich brotlose Künstlerin, aber dennoch nicht wohlhabend genug, um mir den Lyrik-Luxus zu gönnen, der eigentlich kein Luxus sein sollte, denn Kunst ist ein essenzieller Bestandteil meiner erfolgreichen Gesundheitsvorsorge.
Und ich glaube, dass es vielen Künstler*innen so geht: Wir verzehren uns nach Poesie und Werken aller Art, doch für den regelmäßigen Konsum fehlt das nötige Kleingeld. Und nun zitiere ich aus der Nachricht von heute Morgen: „Alle wollen publiziert werden, aber selber die Texte der anderen lesen und die Poetenpost abonnieren: nö.“
Was wir Künstler*innen dringend lernen müssen
Eine Sache, die ich selbst aktuell auf die harte Tour lerne: Wir können nicht erwarten, dass wir unsere Kund*innen in der eigenen Bubble finden. Mein Instagram ist voll von Kunst, Autor*innen, Poet*innen, Selbstständigen, Gründer*innen und Verlagen. Ich fühle mich wohl darin, genieße den Austausch und atme die Inspiration ein wie Luft. Für einen Teil meines Tuns, das Anbieten von Schreib-Workshops mag das genug sein – meine Zielgruppe sind Kreative. Doch davon kann ich nicht leben, denn ich möchte diese Kurse so günstig wie möglich halten, damit möglichst viele Menschen daran teilnehmen können. Ich wiederum lebe mit einer chronischen Erkrankung und habe nur ein gewisses Kontingent an Zeit und Energie und so muss ich einsehen:
Meine Existenzgrundlage kann ich darauf nicht aufbauen. Man kann nicht nur von Luft und Poesie leben, auch wenn ich es nicht unbedingt einsehen möchte. Miete in Berlin, einen Studienkredit und den Flat White mit Hafermilch im Café nebenan kann ich nicht mit einem Gedicht bezahlen. Wäre das nicht eine nette Idee?
Wir müssen lernen, dass unsere Kolleg*innen in der Regel nicht unsere Zielgruppen sind. Sie ein tolles Netzwerk für Austausch, Inspiration, Zusammenarbeit und Motivation. Aber sie sind nicht die Menschen, die unsere Kunst kaufen.
Der unangenehme Teil: Geschäftsfrau sein
Ich habe schon viel gelernt und an mir und meinem Mindset gearbeitet. Aber als Kreativschaffende ist es nicht meine liebste Aufgabe, meine Produkte zu vermarkten. Aber in der Selbstständigkeit gehört es dazu, auch wenn wir am liebsten den ganzen Tag schreiben, zeichnen, musizieren, kreieren möchten. Egal wie toll unsere Werke sind – niemand wird davon erfahren, wenn wir sie nicht zeigen. Den richtigen Menschen zeigen. Wenn ich auf Instagram für meinen schönen Text Applaus bekomme, heißt das nicht, dass jemand mein Buch kauft oder einen Workshop bucht.
Wir müssen sichtbar sein und unsere Kunst so präsentieren, dass Menschen außerhalb unserer Kreativszene sie so gut finden, dass sie einen angemessenen Preis dafür zahlen. Es geht hier nicht darum, ob das was wir tun gut ist – sondern darum, wie gut wir es verkaufen können. Und am besten, ohne uns dabei komplett zu verbiegen. Nichts leichter als das, oder?
Der Realität ins Auge blicken
Wie oft saß ich schon in Kreativ-Workshops und dachte mir: „Boah, ich hätte das viel besser gemacht“ oder lese ein Buch, das trotz Veröffentlichung über einen Verlag voller Tippfehler ist und dessen Handlung mich einfach nur langweilt. Und dennoch verdienen diese Menschen gutes Geld mit ihrer Arbeit und ich nicht. Die bittere Pille muss ich immer wieder schlucken. Aber ich bin dankbar, dass ich es verstanden habe.
Auch in der kreativen Selbstständigkeit geht es erst ums Geschäft und dann um meine Kunst. Wenn ich nichts verkaufe oder keine Anmeldungen habe, muss ich nicht zum hundertsten Mal mein Buch umschreiben oder das Konzept meines Workshops ändern. Ich muss endlich anfangen, die richtigen Leute damit anzusprechen. Und die liegen dann und wann außerhalb meiner persönlichen Komfortzone. Ich bin gezwungen sie zu verlassen, mir meinen Weg durch LinkedIn und die Struktur öffentlicher Einrichtungen zu bahnen. Meinen Weg. Das ist der große Vorteil, den diese Selbstständigkeit mit sich bringt. Wir können das alles auf unsere eigene Art und Weise machen.
Ich versuche, diesen Weg zu genießen und so viele Erfahrungen wie möglich zu sammeln. Ist das nicht der Punkt? Für mich ist jedenfalls klar, dass ich auf dem richtigen Weg bin, auch wenn der streckenweise unangenehm ist. Denn es ist mein Weg – dafür gibt es keine Karte, den ist noch nie zuvor jemand gegangen.
Ellbogeneinsatz oder Händchen halten?
Einen Weg ganz alleine zu gehen kann einsam werden, man ist dauernd verunsichert und schaut sich nach Schildern um, die einem die Richtung weisen. Die existieren nicht, stattdessen trifft man unterwegs immer wieder auf andere verwirrte und unsichere Künstler*innen. Bei diesen Begegnungen herrscht stets eine gewisse Gleichzeitigkeit von Verbundenheit und besser sein wollen als die andere Person. Und ich denke, das ist ok.
Man unterstützt einander, weil es einem selbst einen Vorteil bringen könnte, aber auch weil man weiß, wie hart der Weg sein kann. Eine gemeinsame Lesung? Ja, aber es ist mir schon wichtiger, dabei mein eigenes Buch zu verkaufen als deins. Das ist nicht unkollegial, es ist nur logisch, weil man um jeden noch so kleinen Erfolg hart kämpfen muss. Am meisten mit sich selbst. Und mir tut es gut, regelmäßig zu hören, dass es anderen genauso geht, aber auch, dass es Künstler*innen gibt, die es geschafft haben. Kunst ist nicht schwarz-weiß. Kreativität ist eine Ansammlung von Gleichzeitigkeiten, die widersprüchlicher nicht sein könnten und am Ende das vollkommenste Bild abgeben.
